„Um unsichtbar zu werden, musst Du immer sichtbar sein”

Neal Preston gilt als einer der einflussreichsten Fotografen der Musikgeschichte. Sein Werk umfasst fünf Jahrzehnte Rock’n’Roll. Er begleitete als Tour‑Fotograf Bands wie Queen, Led Zeppelin, The Who und Bruce Springsteen. 1985 war er offizieller Fotograf des Live Aid Festivals. Wir sprechen mit ihm über das Tourleben, seine ikonischen Aufnahmen und einen Blumenstrauß von Stevie Nicks.

Du fotografierst vor allem mit Nikon-Kameras. Es gibt im Markt einen großen Hype rund um die deutsche Marke Leica. Hast Du mit der auch schon fotografiert?

Als Teenager hatte ich viele verschiedene Kameras von unterschiedlichen Herstellern. Meine erste großartige Kamera war eine Leica M3. Und ich habe diese Kamera geliebt. Ich habe sie in den ersten vier oder fünf Jahren meiner Karriere benutzt, mit zwei Objektiven. Leica war sehr großzügig und freundlich und hat mir jetzt eine SL3 kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Leicas sind sehr komplex. Da gibt es eine Lernkurve und deshalb habe ich mich noch nicht so richtig damit beschäftigt.

Und dann habe ich noch meine Nikons. Ich bin an meine eigenen Geräte gewöhnt. Das ist der Unterschied. Ich habe zum Beispiel noch nie ein Foto mit einer Canon gemacht

Ich gehe mit meinem Equipment sehr brutal um, mein ganzes Leben lang. Ich werfe es herum und bei Jobs heben es Assistenten wieder für mich auf. Deshalb brauche ich Kameras, die robust sind. Ich sage immer Leuten, die für Nikon, Canon oder eine andere Firma arbeiten: Wenn Du Deine Kamera testen möchtest, gib sie mir für eine Woche. Wenn sie danach noch funktioniert, dann ist sie gut.

Unter Deinen Fotos sind viele ikonische Bilder. Was macht ein solches berühmtes Foto aus, damit es die Zeit überdauert?

Das ist schwer zu beantworten. Ich kann Dir auf jeden Fall sagen, dass Du, wenn Du gerade ein Foto gemacht hast, nicht weißt, dass es ikonisch sein wird. Dafür braucht es Zeit. Heute hat zwar jeder eine Kamera in der Hosentasche. Aber ein Bild, das Generationen überdauert, kennst Du erst, wenn diese Generationen leben.

Wenn Du zehn Minuten nach Deinem Foto glaubst, es wäre ikonisch, ist es das garantiert nicht. Das von mir sehr bekannte Bild von Freddie Mercury war das dritte oder vierte Foto, das ich an dem Tag von ihm gemacht habe. Jeder Fotograf weiß, was ein starkes von einem schwachen Bild unterscheidet. Ich habe mehr schlechte Fotos gemacht als jeder andere auf der Welt, allein aufgrund der Quantität. Die Zeit wird zeigen, ob es ikonisch ist oder nicht.

Hast Du vorher eine Idee im Kopf, wie Du fotografierst?

Nein, ich habe da kein Thema. Ich möchte nur gute Fotos machen. Ich habe viel Rock’n’Roll fotografiert, aber auch anderes, zum Beispiel sechs Mal die Olympischen Spiele, Nachrichten und für Magazine wie Sports Illustrated, People Magazine oder Time Magazine.

Es ist etwas anderes, wenn Du ein Magazin Cover fotografierst. Hier spielen die Bildredakteure bei Entscheidungen eine wichtige Rolle. Das habe ich auf die harte Tour gelernt. Ich habe mal die New Kids on the Block fotografiert. An einem Zeitungsstand siehst Du nur den oberen Teil des Magazincovers und ich hatte auf dem Foto den unattraktiven Typ oben platziert. Da bekam ich Ärger mit dem Redakteur. Ich verstand dann: Setz immer die hübschen Leute nach oben, denn die sieht man in den Auslagen am Kiosk als erstes

Meine Arbeit war zu 75 Prozent für Magazine und die unterscheiden sich im Stil. Sie wollen zum Beispiel fröhliche Leute, die in die Luft springen. Wenn Du das versteht, kannst Du mit diesem Thema spielen. Verstehe also, was die Redakteure von Dir wollen, und dann spiel damit ein bisschen verrückt.

Wie gelingt es Dir, dass diese Stars ihre Fassade fallen lassen und sich vor der Kamera authentisch zeigen?

Der Trick ist, unsichtbar zu werden. Wenn Du mit der Band Tag für Tag, Nacht für Nacht unterwegs bist, möchtest Du unsichtbar sein. Die Ironie ist: Um unsichtbar zu werden, musst Du immer sichtbar sein. Ich möchte Teil der Gruppe, der Familie werden. Wenn ich den Raum betrete, bemerkt mich keiner. So bekommst Du die Bilder.

Braucht man eine kleine Kamera?

Es ist nicht die Größe der Kamera. Es ist die Größe Deiner Persönlichkeit und Deines Egos. Was mein Ego betrifft: Glaub es mir oder nicht, es ist mir völlig egal, dass die Leute meinen Namen kennen. Es sind die Bilder, die berühmt sind.

Mein bester Freund Cameron Crowe, ein bekannter Regisseur und Drehbuchautor, ist ständig im Fernsehen zu sehen. Das bedeutet, berühmt zu sein. Irgendwann bin ich tot und begraben, aber diese Bilder werden für immer leben. Wie bei einem Maler. Ich bin zwar nicht Michelangelo, aber die Fotos werden für immer existieren.

Ich habe auch verstanden, dass diese Fotos den Fans sehr viel bedeuten. Es ist ihre Verbindung. Mit ihnen kommen sie Freddie Mercury so nah wie möglich. Natürlich gibt es einige Fotos, die ich nicht veröffentlichen würde, weil sie sehr privat sind. Wenn Du so eng mit den Stars auf Tour bist, brauchst Du kein Genie zu sein, um herauszufinden, welche Motive privat bleiben und welche der Welt gehören.

Gibt es ein Foto, das Du nicht gemacht hast, und es bis heute bereust?

Ja, da gibt es eines. Das ärgert mich bis heute. Aber ich werde nicht darüber reden. Wenn Du Cameron Crowes neues Buch liest, spricht er darin darüber. Mehr sage ich dazu nicht.

Was lehrt Dich die Arbeit mit Rockstars über das Leben? Nimm keine Drogen!

Nein, nimm Drogen. (lacht) Nein, also ich habe mein iPad zwar gerade nicht dabei, aber ich habe mal im Flugzeug einen Text geschrieben, in dem stand: Alles, was ich über das Leben weiß, habe ich auf Rock’n’Roll-Tourneen und von Hunden gelernt. Auf Tourneen gilt: Augen und Ohren auf und den Mund halten.

Jede Rock’n’Roll-Tournee hat ihren ganz eigenen Charakter. Und dieser unterscheidet sich von der Persönlichkeit der einzelnen Bandmitglieder oder der Tournee-Crew.

1975 habe ich für Led Zeppelin gearbeitet, und die Rolling Stones waren in jenem Jahr ebenfalls auf Tour. Bei den Rolling Stones hat Mick Jagger einen Typen, der ihm seinen Tee bringt. Dieser Typ hat einen anderen, der den Tee aufwärmt, der ihn dann dem Typen gibt, der Mick Jagger seinen Tee bringt. Dann gibt es noch einen anderen Typen, der losgeht und den Tee kauft und ihn dem Typen gibt, der den Tee aufwärmt und ihn dem Typen gibt, der Mick Jagger den Tee bringt. Dann gibt es noch die Sekretärin, die zu Beginn der Tour dem Typen, der den Tee kaufen soll, sagt, um welche Teesorte es sich handelt. Dann geht er los und kauft den Tee und gibt ihn dem Typen, der ihn aufwärmt, und der gibt ihn dem Typen, der ihn Mick Jagger gibt.

Deshalb haben sie 3.000 Leute auf Tour. Nein, im Ernst, 50 oder 60 Leute. Bei Led Zeppelin waren wir etwa 12 und sehr abgeschottet. Aber die Stimmung einer Tour kann sich schlagartig ändern – wegen einer schlechten Konzertkritik oder Plattenkritik, die jemand gelesen hat, weil jemand krank ist, weil der Schlagzeuger mit der Freundin des Leadgitarristen geschlafen hat und so weiter.

Darauf muss man sich einstellen. Und was einen wirklich fertigmacht, ist das viele Reisen. Leute kommen zu mir und sagen: „Du musst das beste und fantastischste Leben gehabt haben.“ Aber ich war viel zu sehr mit der Arbeit beschäftigt, um darüber nachzudenken.

Ich war 22 oder so, als ich anfing, für Led Zeppelin zu arbeiten. Das Reisen, die Termine, der Stress, der Umgang mit Egos. Man will jedem gegenüber respektvoll sein. Du bist nicht der Star, sie sind die Stars. Ich gehöre zur Roadcrew. Ich kenne Fotografen, deren Namen ich jetzt nicht nenne, die halten sich allerdings für die Stars.

Wenn die Show vorbei ist, geh allem aus dem Weg. Wenn die Roadies den Abbau machen, willst Du nicht von einem Gabelstapler aufgespießt werden, nur weil Du versuchst, irgendeinem Mädchen aus Memphis zu imponieren, das Du nie wiedersehen wirst.

Kann man von Leuten, die man nicht mag, gute Fotos machen?

Ja, habe ich schon gemacht. George Michael. Manche Leute sind schwieriger als andere. Aber sobald man sich etabliert hat, wissen sie, dass man da ist, um den Job professionell zu erledigen.

Manchmal haben verschiedene Leute ein unterschiedliches Maß an Geduld. Ehrlich gesagt, war die Arbeit für Led Zeppelin das Beste, was mir zu Beginn meiner Karriere passieren konnte. Denn zu diesem Zeitpunkt hieß es: „Oh, wir wollen den Typen von Led Zeppelin.“ Wie ich schon mal sagte: Es schadet nie, die Wörter „Led“ oder „Zeppelin“ im Lebenslauf zu haben.

Fiese Frage: Welches Deiner Fotos gefällt Dir am besten?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe drei oder vier Favoriten. Aber einer meiner absoluten Favoriten, und der ist auch im Buch zu finden, ist ein Bild von Led Zeppelin auf der Bühne. Ich stehe am Bühnenrand und es gibt Trockeneis. Es ist so ein blau getöntes Foto. Sie spielen gerade einen Song namens „No Quarter“ und Jimmy zieht zufällig an einer Zigarette und schaut mich direkt an. Bei diesem Foto kann ich förmlich das Trockeneis riechen. Es hat diesen feuchten, flüssigen Geruch. Dieses Bild versetzt den Betrachter auf diese Bühne. Eigentlich ist es noch gar nicht so lange her, dass mir das klar wurde. Was ich tue, besteht darin, die Person, die das Bild betrachtet, auf diese Bühne zu versetzen. Und das kommt dem Gefühl, selbst dort zu sein, doch am nächsten, oder?

Ich habe dieses großartige Fotoshooting mit Stevie Nicks gemacht, es war magisch. Am nächsten Tag war ich unter der Dusche und dachte noch über das Shooting nach, da klopfte es an der Tür und ich zog mir einen Bademantel über. Da stand ein riesiger Blumenstrauß von Stevie Nicks. Großartig!

Ich habe auch viele tolle Fotos von Freddie. Ich sage immer: Wenn Du Fotograf bist und es Dir nicht gelingt, Freddie Mercury, Pete Townshend oder Jimmy Page auf der Bühne gut abzubilden, gib Deinen Job auf und verkauf Bananen im Supermarkt.

https:www.instagram.com/nealprestonphoto/?hl=de