{"id":2922,"date":"2018-03-16T13:23:22","date_gmt":"2018-03-16T12:23:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dominikmaassen.de\/?p=2922"},"modified":"2019-04-27T20:44:08","modified_gmt":"2019-04-27T19:44:08","slug":"die-passion-von-passier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dominikmaassen.de\/?p=2922","title":{"rendered":"Die Passion von Passier"},"content":{"rendered":"<p><strong>Meisterwerke der Handwerkskunst sind die S\u00e4ttel des Familienunternehmens \u201eG. Passier &amp; Sohn GmbH\u201c \u2013 und das seit mehr als 150 Jahren. Die weltweite Elite der Reiterei nimmt darauf genauso gern Platz wie die gemeine Sportreiterin. Denn sie alle sch\u00e4tzen die Passgenauigkeit und Langlebigkeit der Unikate aus Langenhagen. <\/strong><\/p>\n<p>Bei Pferden ist das manchmal wie bei Menschen. Auch sie erwischt irgendwann das Rheuma. Jahrein jahraus sind sie Tausende Kilometer auf dieser Erde gelaufen. Doch dann schmerzen die Glieder und es geht einfach nicht mehr. So erging es auch dem Pferd von Ingrid Kocks. Da Ross und Reiter aber idealerweise eine Einheit bilden, entschied sich die Halterin, dass dieser Sport nun auch f\u00fcr sie ein Ende haben sollte. Sie bestieg nie wieder ein Pferd. Zu diesem Zeitpunkt war sie selbst schon 87 Jahre alt und nicht mehr die J\u00fcngste. Ihr ganzes Leben hatte sie den imposanten Vierbeinern gewidmet. Schlie\u00dflich lag f\u00fcr die Rennpferdez\u00fcchterin ihr Gl\u00fcck des Lebens immer auf dem R\u00fccken ihrer Pferde. Und auf jedem dieser R\u00fccken lag der \u201eOlympia\u201c Spring-Sattel Nummer 103 444. Ein Geschenk ihres Vaters vor mehr als 60 Jahren.<\/p>\n<p>Heute h\u00e4ngt Nummer 103 444 zusammen mit anderen Unikaten an einem Ehrenplatz im kleinen Museum des Sattelherstellers Passier am Firmenstandort Langenhagen. Wenn Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dirk Kannemeier \u00fcber das Leder von Nummer 103 444 streicht, ist er selbst ganz fasziniert: \u201eEr war jeden Tag auf dem Pferd und hat nur minimale Defekte. Da sind sogar die Originalstrippen dran. Und die sind eigentlich das Verschlei\u00dfteil.\u201c F\u00fcr den 49-J\u00e4hrigen ist es diese Langlebigkeit, die den Erfolg der weltber\u00fchmten Marke erkl\u00e4rt. Sie belegt, warum der Premiumhersteller von Reitsports\u00e4tteln mit dem eigentlich doch so abgedroschenen Wort \u201eQualit\u00e4t\u201c zu Recht um seine Kunden werben kann.<\/p>\n<p>Lang ist die Geschichte von Passier. Vor mehr als 150 Jahren, genau am 17. September 1867, gr\u00fcndete Ur-Urgro\u00dfvater Georg Passier das Unternehmen. Als gelernter Sattler folgte er zu dieser Zeit seiner Zielgruppe von Berlin in die k\u00f6nigliche Residenzstadt. Hannover galt Ende des 19. Jahrhunderts als das Mekka der Reiterei und in der Stadt an der Leine stellte die Regierung das preu\u00dfische Ulanen-Regiment auf, damals ein legend\u00e4rer Kavallerieverband. Georg Passier bekam die Stelle des Regimentsattlers, legte jedoch Wert auf den Status als Zivilist. Sein Ziel war die Selbst\u00e4ndigkeit. Am Aegidientorplatz er\u00f6ffnete er seine eigene Sattlerei, zog sp\u00e4ter in ein eigenes Haus an der Langen Laube 2 nahe der K\u00f6nigs-Ulanen und gr\u00fcndete eine Filiale in der Husarenstra\u00dfe 4 genau gegen\u00fcber der K\u00f6niglichen Offiziers-Reitschule, der sp\u00e4ter so ber\u00fchmten Kavallerieschule Hannover. Das Erfolgsrezept von Passier war schon damals: N\u00e4he zum Kunden und G\u00fcte auf h\u00f6chstem Niveau. Das sprach sich herum. Der ehrgeizige Selfmademan stieg steil auf. Er wurde Hoflieferant seiner Majest\u00e4t des Kaisers und K\u00f6nigs und anderer Hoheiten und Durchlauchten.<\/p>\n<p>Generationen sp\u00e4ter hat es Ur-Urenkel Dirk Kannemeier im 21. Jahrhundert ebenfalls regelm\u00e4\u00dfig mit der Spitze der Pyramide zu tun. Seine K\u00f6niginnen und K\u00f6nige hei\u00dfen heute Klimke, Br\u00f6ring-Sprehe, von R\u00f6nne, Ehning, Krajewski, Dahlmann, R\u00fcder oder Persson. Beh\u00e4ngt sind auch sie mit Edelmetallen wie Gold, Silber, Bronze und viele tragen unter anderem die Krone des Welt- und Europameisters. Die Weltelite des Dressurreitsports thront n\u00e4mlich am liebsten auf S\u00e4tteln von Passier \u2013 und ihre Liste ist so lang wie die ihrer Siege. Einer der ersten war Freiherr Carl- Friedrich von Langen, der 1928 doppeltes Olympiagold holte. F\u00fcr Dirk Kannemeier sind diese renommierten Namen jedoch nicht nur imagef\u00f6rdernde Werbebotschafter, sondern auch wichtige Partner. Schlie\u00dflich ist f\u00fcr ihn das herausragende Wissen der Profisportler n\u00fctzlich, um die S\u00e4ttel weiter zu optimieren.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend wir fr\u00fcher eher standardisierte Modelle fertigten, erstellen wir heute zum gr\u00f6\u00dften Teil Einzelanfertigungen, die hoch individualisiert und ma\u00dfgeschneidert sind\u201d, so der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Zielgruppe bei den Endverbrauchern ist die meist weibliche Sportreiterin. Neben dem wichtigen Inlandsgesch\u00e4ft exportiert Passier rund 40 Prozent seiner Ware in 48 L\u00e4nder, davon ein Gro\u00dfteil ins europ\u00e4ische Ausland, besonders stark nach Skandinavien und Benelux. \u201eIn Japan machen wir seit 40 Jahren exorbitante Ums\u00e4tze. Wir wissen selbst nicht, wo die ganzen Produkte landen. Made in Germany ist in dieser traditionsbewussten Kultur alles. Die fragen nicht, die bestellen in Mengen. Und tolerieren nicht den Hauch eines Fehlers\u201c, so der Chef. Ernst zu nehmende Konkurrenz in diesem hochpreisigen Segment kommt h\u00f6chstens noch aus Italien. Die S\u00fcdeurop\u00e4er punkten vor allem beim Design. Und k\u00f6nnen es wohl auch. \u201eDaf\u00fcr sind wir zu deutsch\u201c, sagt Kannemeier und lacht.<\/p>\n<p>Passier ist ein Familienunternehmen und soll es nach M\u00f6glichkeit auch bleiben. Nicht umsonst wurde von jeher bewusst auf Investoren und weitere Gesellschafter verzichtet. Das spiegelt sich auch in Kannemeiers Motto wider: \u201eIch habe es \u00fcbergeben bekommen. Mein Job ist, es zu halten, wenn m\u00f6glich zu mehren, um es dann weiterzugeben.\u201c Tochter und Sohn des Inhabers sind noch Teenager und entscheiden in ferner Zukunft \u00fcber eine m\u00f6gliche Nachfolge.<\/p>\n<p>Auch Dirk Kannemeier wurde nicht gedr\u00e4ngt. Dennoch klebte er schon als 11-J\u00e4hriger bei der Dame vom Vertrieb Pakete, besserte sich in der Produktion als 14-J\u00e4hriger in den Schulferien sein Taschengeld auf und lernte wie ein Lehrling alle Abl\u00e4ufe kennen. Als er nach einem kurzen Intermezzo andernorts als Industriekaufmann wieder ins Familienunternehmen zur\u00fcckkehrte, kannte er die meisten Kollegen der Belegschaft bereits.<\/p>\n<p>Heute sind insgesamt 77 Mitarbeiter bei Passier angestellt, im Schnitt sind sie 31 Jahre alt, die l\u00e4ngste Zugeh\u00f6rigkeit zum Betrieb liegt bei 42 Jahren. F\u00fcr zwei neue Stellen zum Reitsportsattler bewarben sich aktuell 40 junge Kandidatinnen. Allesamt dem Pferd verbunden \u2013 wie die meisten der Besch\u00e4ftigten. Mehr als kaufm\u00e4nnisches ist technisches Geschick gefragt, wenn Lehrlinge wie Meister f\u00fcr die Sattelunikate Gr\u00f6\u00dfe, Gewicht, Beckenstellung, Ober- und Unterschenkell\u00e4nge oder Leistungsstand der sp\u00e4teren K\u00e4uferin beachten m\u00fcssen. Ebenso wie die Ma\u00dfe des R\u00fcckens und die L\u00e4ngslinie der Wirbels\u00e4ule des Tieres.<\/p>\n<p>Denn auch die Pferdezucht hat sich den vergangenen 20 Jahren ver\u00e4ndert. Wo sich fr\u00fcher Holsteiner, Hannoveraner oder Westfalen klar nach Rasse trennten, bringen neue Mixe anatomische Besonderheiten hervor. F\u00fcr ein kompaktes Bild bei der Dressurbewertung werden die Pferder\u00fccken immer k\u00fcrzer \u2013 die Ges\u00e4\u00dfe von Reiterin und Reiter der heutigen Wohlstandsgesellschaft jedoch gleichzeitig nicht zwingend kleiner. Bleibt am Ende noch weniger Platz f\u00fcr den Sattel. Der will f\u00fcr den individuellen Schwerpunkt aber ideal platziert sein.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ver\u00e4ndern Umweltvorschriften das Leder, das Passier vor allem aus westeurop\u00e4ischen Gerbereien bezieht. So wie niemand mehr Blasen mit einem neuen Schuh laufen m\u00f6chte, soll auch der Sattel geschmeidiger sein als fr\u00fcher. Diese beiden Faktoren verk\u00fcrzen jedoch die Langlebigkeit des Produktes. Zudem macht sich auch der fundamentale Umbruch im Handel bemerkbar: In dem der wirtschaftlichen Entwicklung stets etwas hinterher hinkenden Reitsport verdr\u00e4ngen zunehmend Ladenketten die kleinen L\u00e4den. Hinzu kommt, dass sich das Gesch\u00e4ft mit dem Sattel l\u00e4ngst vom station\u00e4ren Handel abgekoppelt hat. \u201eDer Reitsattel wird am Pferd ausprobiert und nicht mehr im Laden gekauft\u201c, so Dirk Kannemeier. Weil er mit seiner Marke dort aber weiterhin sichtbar sein m\u00f6chte, setzt er zus\u00e4tzlich auf die anderen beiden S\u00e4ulen seiner Produktpalette: Lederzubeh\u00f6r und Pferdetextilien.<\/p>\n<p>So k\u00e4mpft jede Generation ihre eigenen Schlachten. Bei Urgro\u00dfvater Ernst Heinrich Georg Passier war es nach dem ersten Weltkrieg das Automobil, das pl\u00f6tzlich \u00fcberall die Pferdegespanne ersetzte. Er erschloss daraufhin neue M\u00e4rkte im Ausland. Gro\u00dfvater Georg Passier profitierte danach vom neuen Trend zum Reitsport und setzte weiter auf Ma\u00dffertigung. Das zwischenzeitliche Aus kam, als in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1943 die alliierten Bomber des Zweiten Weltkriegs das Stammhaus in der Langen Laube zerst\u00f6rten. Georg Passier musste in einer Lagerhalle in Herrenhausen bei null wieder anfangen. Zwischendurch sattelte er sogar auf Lederkoffer und Ledertaschen um. Der Tradition \u201eHandarbeit aus Meisterhand\u201c blieb er aber selbst im darauffolgenden Wirtschaftsaufschwung treu. Noch heute sollen Maschinen nur technische Hilfe leisten. Auf diese Weise eroberte sich der Reitsportausr\u00fcster St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck einen weltweiten Ruf. In den 80ern wuchs das Unternehmen unter Schwiegersohn Jochen A. Kannemeier weiter. Dieser setzte wegen der zahlreichen Bestellungen neben dem PS-Sattelbaum aus Holz, sozusagen das Chassis des Sattels, auch auf eine Kunststoff-Variante aus Elastomer, die schneller zu fertigen ist.<\/p>\n<p>Konstant geblieben ist bei alldem dramatischen Auf und Ab stets das Geh\u00e4mmere, Geklebe, Gestopfe, Geschneidere, Genagele und Gepresse in der Sattelfertigung \u2013 der Herzkammer des Unternehmens. Hier durchl\u00e4uft jeder Sattel mehrere Schritte in der Produktion, bei der es Fingerspitzengef\u00fchl, K\u00f6rperkraft und langj\u00e4hrige Erfahrung braucht. Zum Beispiel bei der Erstellung des komplexen Kopfeisens: Da es ver\u00e4nderbar ist, kann mit ihm derselbe Sitz optimal auf ganz verschiedene Pferdetypen angepasst werden. F\u00fcr den gesamten PS-Sattelbaum sind 1.200 Arbeitsschritte notwendig. Und der nat\u00fcrlich gewachsene Rohstoff Rindleder kommt vorzugsweise von deutschen Viechern. Im Gegensatz zu denen in S\u00fcd- oder Nordamerika sind sie hierzulande geringeren Temperaturschwankungen ausgesetzt. Der Profi wei\u00df dann, dass damit die sogenannte Losnarbigkeit des Leders sinkt. Der Laie sp\u00fcrt nur, dass es weniger \u201elabbert\u201c.<\/p>\n<p>Den finalen \u201eRitterschlag\u201c erh\u00e4lt jeder Sattel in der Qualit\u00e4tskontrolle, wenn ein Mitarbeiter die Verarbeitung vom Stiefelschutz bis hoch zum Sattelkranz \u00fcberpr\u00fcft. Dann bekommt das Produkt auch seine individuelle sechsstellige Nummer, gepr\u00e4gt unter das Sattelblatt, die ihn unverwechselbar macht. Anhand dieser Nummer l\u00e4sst sich \u2013 wie bei Nummer 103 444 im Museum \u2013 nach Jahrzehnten noch nachvollziehen, wann der Sitz in welcher Ausf\u00fchrung gefertigt wurde.<\/p>\n<p>Und so wie mancher Sattel inzwischen eine Antiquit\u00e4t ist, sind es auch die rustikalen Ger\u00e4tschaften im Maschinenpark der Firma. Dirk Kannemeier greift daher sofort zu, wenn gebrauchte Werkzeuge und Apparate, zum Beispiel nach einer Gesch\u00e4ftsaufl\u00f6sung, auf dem freien Markt als Ersatzteillager zum Verkauf stehen. Im Notfall l\u00e4sst er verschlissene Mechaniken sogar kostspielig nachbauen. Denn das ist das Problem mit der Qualit\u00e4t in dieser Welt. Nicht alles ist so langlebig wie die Produkte aus dem Hause Passier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meisterwerke der Handwerkskunst sind die S\u00e4ttel des Familienunternehmens \u201eG. 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