{"id":1232,"date":"2015-03-21T01:49:46","date_gmt":"2015-03-20T23:49:46","guid":{"rendered":"http:\/\/dominikmaassen.de\/?p=1232"},"modified":"2016-02-25T14:01:43","modified_gmt":"2016-02-25T13:01:43","slug":"der-doppelloewe-und-die-jungs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dominikmaassen.de\/?p=1232","title":{"rendered":"Der Doppell\u00f6we und die Jungs"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den 80er Jahren war Horst \u00abHotte\u00ab Kriegel einer der bekanntesten T\u00fcrsteher in Hamburg. An den breiten Schultern des Karatek\u00e4mpfers kam kein ungebetener Partygast vorbei. Jetzt stand der 55-J\u00e4hrige ein halbes Jahr lang Nacht um Nacht nicht im Dienst von Clubbesitzern. Bewacht hat er 80 afrikanische Fl\u00fcchtlinge, die w\u00e4hrend ihrer Odysee von Libyen \u00fcber die italienische Insel Lampedusa nach Hamburg erstmal Zuflucht in der Sankt Pauli Kirche gefunden hatten und nun auf ein Bleiberecht hoffen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gab es f\u00fcr dich einen pers\u00f6nlichen Ausl\u00f6ser, als du dich entschieden hast, den Fl\u00fcchtlingen aus Lampedusa zu helfen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte abends ein TV-Interview mit Pastor Wilms gesehen, als es zu ersten Auseinandersetzungen mit Polizeieins\u00e4tzen auf dem Kirchengel\u00e4nde kam. An diesem Wochenende waren auch Burschenschaftler vor Ort, die als rechtslastig bekannt sind. Da bin ich w\u00fctend geworden.<\/p>\n<p>Ich empfand es als infam, als Frechheit vor dem Herrn, als ich h\u00f6rte, dass Fl\u00fcchtlinge, die einen solchen Leidensweg hinter sich haben und die von einem Pastor aufgenommen werden, bedroht werden. Wo sind wir denn gelandet? Au\u00dferdem ist das die Ecke, in der ich geboren wurde. In dieser Kirche wurde ich getauft und bin nebenan zum Kindergarten gegangen.<\/p>\n<p>Gleich am n\u00e4chsten Tag war ich beim Pastor. Am liebsten w\u00e4re ich direkt nach dem Interview zu ihm gegangen. Ich habe ihm gesagt: Ich bin zwar nicht in der Kirche, aber vielleicht sollten wir uns mal kennenlernen. Ich habe das Gef\u00fchl, Sie brauchen etwas Struktur und Sicherheit. Das ist mein Job, denn ich passe mein halbes Leben lang auf Menschen auf.<\/p>\n<p>Das Problem dort war n\u00e4mlich, dass die Fl\u00fcchtlinge auf dem Fu\u00dfboden schlafen mussten und die T\u00fcr offen stand, damit sie rein und rauskommen k\u00f6nnen. Auch das Gel\u00e4nde ist relativ frei, mit mehreren Wegen, es zu betreten. Hinzu kamen Bedrohungen im Internet aus der rechten Szene.<a href=\"http:\/\/dominikmaassen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/hk3-003.jpg\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><strong>Wie sah eure konkrete Hilfe aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben ein halbes Jahr lang Nachtwachen organisiert, um denen zu zeigen \u2013 bis hier hin und nicht weiter. Immer vor Ort von nachts bis morgens um acht Uhr. Wir waren die Doodle-Gang. Denn mit einem Doodle im Internet haben wir uns organisiert, weil einige anonym bleiben wollten.<\/p>\n<p>Dann haben wir nachts Rundg\u00e4nge gemacht und in einer kleinen Holzh\u00fctte gesessen. Bei der Nachtwache ist es wichtig, dass du das zu zweit machst, damit Du einen Zeugen dabei hast oder einer die Polizei holen kann. Au\u00dferdem haben wir \u00abClubkarten\u00ab an die Fl\u00fcchtlinge verteilt, damit wir wirklich nur die reinlassen, die zu uns geh\u00f6ren, um Konflikte zu vermeiden. Auch wenn es in einer solchen Situation nicht sch\u00f6n ist, andere drau\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Ist vor Ort denn etwas passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Es kam zu Beginn ein paar Wochen lang hin und wieder Stress. Aber meistens nur Betrunkene oder Flaschensammler, die dumme Spr\u00fcche machten. Dann waren da noch zwei Kokss\u00fcchtige, die sa\u00dfen in der N\u00e4he in einem Zelt. Dort bin ich rein und sofort motzte mich einer an: Was willst du denn hier? Der gab mir das Gef\u00fchl, als w\u00e4re er Scarface und ich w\u00e4re ich in sein B\u00fcro eingedrungen. Zuerst hatte ich deshalb noch echt gute Laune und musste grinsen. Aber als die beiden aggressiv wurden, habe ich eine Bank gegen ihre Zeltwand geschmissen, ging schon etwas direkter auf sie zu \u2013 und sie liefen weg. Der eine hat sich dabei am Zaun die Hose zerrissen. <em>(lacht)<\/em><\/p>\n<p><strong>Wer hat dich unterst\u00fctzt?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten kamen aus dem Stadtteil, vom Verein Sankt Pauli oder aus der T\u00fcrsteherszene der alternativen Clubs. Wir sind sehr schnell eine gro\u00dfe Gruppe von 40 Leuten geworden. Die haben sich freiwillig gemeldet. Da musste keiner aktiviert werden. Meine zus\u00e4tzliche Pr\u00e4senz in den Medien hat sicher auch zur Deeskalation beigetragen und ihre Wirkung gehabt. Viele wussten dann, dass sie ein Problem bekommen. Denn reinkommen als Faschist nach Sankt Pauli ist das eine. Aber raus, ist dann ganz schwer. Und der Weg nach Hause ist ganz sch\u00f6n lang.<\/p>\n<p><strong>Was glaubst du, warum hast du dich daf\u00fcr entschieden zu helfen \u2013 und andere nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe es einfach gemacht. Aber die Frage ist interessant. Es hat wohl doch auch mit St\u00e4rke zu tun und ich habe wohl auch nicht \u00fcber die Folgen nachgedacht. Das war mir egal. Ich bin Doppell\u00f6we. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, bin ich kompromisslos. Es gibt nur ein daf\u00fcr oder ein dagegen, ein schwarz oder wei\u00df. Ich habe auch einen irre hohen Gerechtigkeitssinn. Ich hasse es, wenn gegen\u00fcber Schw\u00e4cheren Gewalt angewendet wird.<\/p>\n<p>Das Problem ist wohl auch, dass viele Menschen erst dann reagieren, wenn etwas passiert ist. Dabei ist es dann meistens schon zu sp\u00e4t. In der Gastronomie geben die Chefs erst Geld f\u00fcr Sicherheit aus, wenn die ersten Schl\u00e4gereien den Ruf des Clubs bereits ruiniert haben.<\/p>\n<p>Vielleicht habe ich auch ein anderes Bewusstsein. Beim Brandanschlag von M\u00f6lln, der nur ein Beispiel ist, haben damals alle gemeint: H\u00e4tten wir doch reagiert. Aber jetzt gab es eine konkrete Bedrohung und ich habe mir gesagt: Das passiert nicht in Sankt Pauli, nicht in dieser Kirche, nicht mit den Jungs.<\/p>\n<p><strong>Wir war der direkte, t\u00e4gliche Kontakt mit den Fl\u00fcchtlingen?<\/strong><\/p>\n<p>Vorher waren die ja zwei Jahre in Lampedusa im Camp, interniert kann man fast sagen. Und dann komm ich um die Ecke mit meinem Aussehen. Da haben die erstmal geguckt. Ich habe den G\u00e4sten von vornherein gesagt, dass ich kein Kontrolleur bin, der auf sie aufpasst. Ich war daf\u00fcr da, dass sie in Ruhe schlafen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich gab es zuerst Sprachschwierigkeiten, weil die Fl\u00fcchtlinge kein Deutsch, sondern Englisch und Franz\u00f6sisch sprechen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ging es nicht nur um den Schutz gegen\u00fcber au\u00dfen, sondern auch darum, den Jungs zuzuh\u00f6ren und dass sie ein wenig Spa\u00df haben. Denn in einer Gruppe von 80 Leuten bauen sich Spannungen auf. Deshalb habe ich nach vier Wochen zum Beispiel ein Fu\u00dfballturnier organisiert.<\/p>\n<p>Mit einem der Fl\u00fcchtlinge habe ich mich so gut angefreundet, dass der mich quasi als Papa adoptiert hat. Wichtig ist, dass man den Jungs eine Perspektive f\u00fcr eine Sozialisierung zeigt. Deshalb w\u00fcrde ich mich freuen, wenn auch andere Hamburger meinem Beispiel folgen w\u00fcrden und eine Art Patenschaft \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Haben sie von ihrer Flucht berichtet?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, und habe ich mir sp\u00e4ter fasst auf die Zunge gebissen, warum ich sie eigentlich gefragt habe. Ich war pl\u00f6tzlich gar nicht mehr sicher, ob ich die Antworten ertrage. Da zeigte einer zum Beispiel ein Video von einem Laster, auf dem nur Menschen drauf waren. Das ist der so genannten \u00abSaharaexpress\u00ab, f\u00fcr den bezahlt man 1.200 Dollar, um von Ghana nach Libyen, zu kommen, und bleibt darauf bis zu 14 Stunden bei 40 Grad Hitze. Von den 300 Leuten auf dem Lkw kamen aber etwas mehr als die H\u00e4lfte an. Der Rest ist runtergefallen und der Laster hat nicht gebremst und angehalten.<\/p>\n<p>Deswegen l\u00e4uft mir auch so die Galle \u00fcber, wenn ich einige Leute reden h\u00f6re, dass die Fl\u00fcchtlinge Schmarotzer sein sollen. Die hatten in Libyen alle Jobs, bis sie mit vorgehaltener Waffe auf Boote und nach Lampedusa gebracht wurden. Da wollten die nie hin. Dort sind ihnen zwei Jahre ihres Lebens gestohlen worden.<\/p>\n<p>Und dann hie\u00df es: Wenn ihr raus wollt, geht in den Norden, da ist alles besser. So sind die hier gelandet. Wo es ihnen viel zu kalt ist. Und wo sie auch nicht hinwollten.<\/p>\n<p>Aber die Jungs sind motiviert, intelligent und alle ausgebildet. Allein mit ihrer Willenskraft sind sie vielen Deutschen um einiges voraus und leicht zu integrieren. Ich habe gesehen, wie sie auf dem Kirchenhof Laternen repariert haben und Gestr\u00fcpp in drei Tagen entfernt haben, wozu unsere Gartenarbeiter drei Wochen brauchen.<\/p>\n<p><strong>Glaubst du, dass die Politik helfen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe schon lange aufgeh\u00f6rt, an die Politik zu glauben. Ich erwarte, dass die reiche Stadt Hamburg diesen Menschen eine Chance gibt, denn sie haben es verdient, integriert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Glaubst Du an Gott?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich mit Buddhismus auseinander gesetzt. Ich bin aber kein Buddhist, wei\u00df Gott nicht. Ich glaube, dass es keine Zuf\u00e4lle gibt. Definitiv. Dass es irgendwo irgendwie so sein soll, wie es l\u00e4uft. Und ich versuche jeden Tag, an mich selbst zu glauben. Das f\u00e4llt mir schwer genug. <em>(lacht)<\/em> Es ist nicht einfach in dieser Welt, bei sich zu bleiben und zur Ruhe zu kommen. Das ist mein gr\u00f6\u00dftes Ziel. Denn nur dann habe ich die Energie, um anderen Menschen zu helfen.<\/p>\n<p>In der so genannten Freiwilligenszene gibt es oft Leute, die selbst Unterst\u00fctzung br\u00e4uchten, es sich selbst aber nicht eingestehen. Anstatt an den eigenen Problemen zu arbeiten, bieten sie dann irgendwo ihre Hilfe an, obwohl sie daf\u00fcr eigentlich keine Kapazit\u00e4ten haben. Nur, damit sie ein gutes Gef\u00fchl haben. Aber wenn ich selbst nicht stabil da stehe, kann ich anderen keinen R\u00fcckhalt geben.<\/p>\n<p><strong>Wie hat dich der Kontakt mit den Fl\u00fcchtlingen ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir manches Mal gedacht: Gut, dass ich das nochmal erleben durfte. Wir kriegen von den Jungs auch was beigebracht \u2013 eine ganze Portion Demut. Man selbst hadert allzu oft mit dem eigenen Schicksal. Wenn man aber die Lebensgeschichten h\u00f6rt von Leuten, die richtig was durchgemacht haben, kommt man ins Gr\u00fcbeln. Dem einen wurde auf der Flucht fast der Arm abgehackt, der andere hat seine Mama seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Pl\u00f6tzlich sch\u00e4tzt man mehr, was man selbst hat. Ich war gl\u00fccklich, dass mir das Leben die Chance gegeben hat, f\u00fcr diese Menschen da zu sein.<\/p>\n<p><strong>Du hast viele Jahre lang als T\u00fcrsteher gearbeitet. Wie ist diese Arbeit heute im Vergleich zu fr\u00fcher?<\/strong><\/p>\n<p>Schlechter bezahlt. Viel mehr Risiko, weil mehr Bewaffnung im Spiel ist und die Menschen kompromissloser und gewaltbereiter sind. Abends gehe ich noch manchmal an die T\u00fcr, um in der Praxis zu bleiben. Was sind die neusten Trends? <em>(lacht)<\/em> Wie sind die Kids momentan so drauf? Das ist teilweise bemerkenswert.<\/p>\n<p>Da hast du im Club den BWL-Student, 25 Jahre, 1,52 Zentimeter gro\u00df, 45 Kilogramm. Und der wird nach zwei Stunden zum Rambo, nachdem er seine Amphetamine eingeschmissen hat. Pl\u00f6tzlich meint der, er bringt dich jetzt um und kommt mit einem abgebrochenen Glas auf dich zu. Hinterher wei\u00df er nichts mehr. Er wird sich auch immer entschuldigen, ist ein Sohn aus gutem Hause. Aber in dem Moment dreht er durch.<\/p>\n<p>Normalerweise kannst Du mit den Leuten sprechen, selbst mit Betrunkenen. Aber mit denen anderen musst du handgreiflich werden. Sie manchmal auf den Boden bringen oder zu zweit anfassen. Die lassen sich sogar den Arm auskugeln und merken nichts mehr. Verkauft werden inzwischen Chemie-Drogen, die einen extrem ver\u00e4ndern. Die gab es fr\u00fcher nicht. Definitiv nicht.<\/p>\n<p><strong>Was zeichnet denn einen guten T\u00fcrsteher aus?<\/strong><\/p>\n<p>In den 80er Jahren war ich Hamburgs bekanntester T\u00fcrsteher und daf\u00fcr bekannt, niemals zu schlagen. Die Option kann ich zwar jederzeit ziehen. Die Kunst ist es jedoch, es nicht zu m\u00fcssen. Ich war auch einer der ersten, der eine Frau mit an der T\u00fcr gehabt hat, weil die einige G\u00e4ste oft charmanter abweisen k\u00f6nnen. Kommunikation \u00fcber K\u00f6rpersprache ist immer das oberste Gebot. Das macht 70 Prozent aus. Der Rest ist Geschnatter. Wenn man sich darauf einl\u00e4sst, kann man gut agieren, ohne handgreiflich werden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Deswegen pose ich auch nicht. So wirst du mich nie sehen. Wenn ich eine aggressive Ausstrahlung habe, dann muss ich mich nicht wundern, wenn jemand kommt, der das auch annimmt. Alles was du gibst im Leben, kriegst du wieder. Wichtig ist die Botschaft: Ich mach dich nicht zum Gegner. Ich respektiere dich \u2013 aber rein kommst du trotzdem nicht.<\/p>\n<p><strong>Was hat sich in deiner Heimat Sankt Pauli in den vergangenen Jahren sonst noch ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt inzwischen leider einen Nachteil \u2013 und der ist nicht aufzuhalten. Die Gentrifizierung. Es ziehen Leute her, die hier eigentlich nichts zu suchen haben. Die verklagen Gastronomen, die seit Jahrzehnten ihre L\u00e4den in Sankt Pauli betreiben, nur damit sie abends um 22 Uhr in ihr Bettchen gehen k\u00f6nnen und Nachtruhe haben. Aber dann sollen sie nicht in den Red Light District ziehen. Den gibt es eben nur einmal in Hamburg und darauf sollten wir stolz sein. Diese Entwicklung st\u00f6rt in den letzten Jahren. Aber richtig.<\/p>\n<p><strong>Aber du wohnst hier weiterhin?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin hier geboren und ziehe nicht weg.<\/p>\n<p><strong>In deiner beruflichen Vergangenheit warst Du T\u00fcrsteher, Helfer bei einem Schmied, Gr\u00fcnder eines Kulturvereins, Auto- und Schmuckverk\u00e4ufer, Kurier, DJ oder hast ein Caf\u00e9 gebaut und betrieben. Welcher dieser Jobs hat dir am meisten Spa\u00df gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Spa\u00df und Erf\u00fcllung? Sag ich dir ganz offen \u2013 das, was ich das letzte halbe Jahr gemacht habe. Das mit Herz zu begleiten, hat mir wirklich was gegeben. Jeden Abend zu sehen, wie ich empfangen worden bin. Wie die Jungs da lagen in ihren Bettchen. Mich angeguckt haben. Ah, der Mann ist da, jetzt kann ich pennen. Das war ein gutes Gef\u00fchl. Ich habe mich nie sozial engagiert. Das kannte ich nicht. Ich bin eben der Doppell\u00f6we, eier durch die Gegend und habe lang den Egoisten raush\u00e4ngen lassen. Muss man klar so sehen.<\/p>\n<p>Ok, um meine Familie und Freunde habe ich mich immer gek\u00fcmmert, das ist nicht der Punkt. Aber ansonsten habe ich immer versucht, mein eigenes Ding zu machen. Ich habe mich auch nie irgendwelchen Cliquen wie den Hells Angels angeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Wie war die Zusammenarbeit bei der Hilfe f\u00fcr die Lampedusa-Fl\u00fcchtlinge?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben uns jeden Montag mit 80 Leuten in einer Freiwilligenrunde getroffen. Da sind mehrere Arbeitsgruppen entstanden und die Teilnehmer sind von Monat zu Monat mehr geworden. Normalerweise nimmt die Anzahl bei Projekten ja eher ab. Das hat mir meinen Glauben an diesen Stadtteil zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n<p><strong>Womit verdienst du zurzeit Dein Geld?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erstelle Sicherheitskonzepte f\u00fcr Veranstaltungen und bin t\u00e4tig in der individuellen Beratung und Betreuung von Einzelpersonen, zum Beispiel wenn jemand gestalkt wird.<\/p>\n<p><strong>Was ist dabei das Erfolgsrezept<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcbersicht. Es gilt hier wie an der T\u00fcr, dass du bereits versagt hast, wenn du k\u00f6rperliche Gewalt einsetzt. Zu meinen bisherigen Erfahrungen habe ich auch an einer Ausbildung teilgenommen zur Fachkraft f\u00fcr Schutz und Sicherheit. Auch dort lehrt man dich: Du hast so gut zu arbeiten, dass Gewalt das letzte Mittel ist. Also immer Plan B. Notfalls muss man nat\u00fcrlich auch k\u00f6rperlich in der Lage sein, Menschen zu besch\u00fctzen. Im Vorwege checke ich alle Eventualit\u00e4ten ab. Wo gibt es zum Beispiel sichere Orte und schnelle Verstecke. Vorsicht ist dabei immer besser als Nachsicht. Und, wie gesagt, alles was du gibst, kommt wieder.<\/p>\n<p><strong>Eine \u00e4hnliche Strategie wie bei eurer Hilfe f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingen.<\/strong><\/p>\n<p>Ganz genau.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht die Situation bei denen aktuell aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die psychische Belastung ist extrem hoch, wenn man jahrelang auf der Flucht ist. Da gibt es nat\u00fcrlich Spannungen. Einige wollen sich nun bei der Beh\u00f6rde melden, ihre Fluchtgeschichte offenbaren und die Duldung beantragen. Andere nicht. Jeder in der Gruppe hat das Recht, seine Zukunft selbst zu bestimmen. Wichtig ist, dass beide Seiten jedoch weiter an einem Strang ziehen, weil sie zur Lampedusa-Gruppe geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber auch die Bev\u00f6lkerung wird aufmerksamer, weil das Thema durch die Medien gegangen und im Bewusstsein von vielen angekommen ist. Der Kampf geht also weiter. Denn von der Stadt ist bisher gar nichts passiert. Die Container, in denen die Fl\u00fcchtlinge jetzt leben, bezahlt die Kirche mit einem hohen finanziellen Aufwand. Dort gibt es ein Notfalltelefon, so dass sie jederzeit mit mir in Kontakt treten k\u00f6nnen. Viele der Jungs haben meine Nummer.<\/p>\n<p><strong>Und wie sieht deine Zukunft aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bleibe hier in Sankt Pauli. Jetzt bin ich irgendwie schon wieder stolz auf diesen Stadtteil. Unsere Aktion hat gezeigt, dass es noch immer genug Leute gibt, die sofort f\u00fcr menschliches Miteinander und Antirassismus aufstehen. Diese Solidarit\u00e4t und der Zusammenhalt waren klasse.<\/p>\n<p>Und wenn ich noch gut Geld verdiene in den kommenden Jahren, dann geh ich mit meinem Patensohn nach Afrika. Wir haben schon rumgesponnen. Ich nehme meine Schallplatten mit und wir er\u00f6ffnen eine kleine Musikbar am Meer. Warum nicht in Ghana alt werden?<\/p>\n<p><em>Rund 80 Fl\u00fcchtlinge haben sich laut Beh\u00f6rde inzwischen gemeldet und eine Duldung erhalten, bis ihr Verfahren abgeschlossen sein soll. Etwa 50 Personen sind in Containern auf drei Hamburger Kirchenarealen untergebracht. <\/em><em>F\u00fcr den 1. M\u00e4rz 2014 planen die Fl\u00fcchtlinge eine weitere Gro\u00dfdemo in Hamburg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 80er Jahren war Horst \u00abHotte\u00ab Kriegel einer der bekanntesten T\u00fcrsteher in Hamburg. 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